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"Amokspiel" Leseprobe

Der Anruf, der sein Leben für immer zerstörte, erreichte ihn exakt um 18.49 Uhr. Bei den nachfolgenden Befragungen wunderten sich alle, dass er die genaue Uhrzeit im Gedächtnis behalten hatte.
Die Polizei, sein unfähiger Anwalt und auch die beiden Männer vom Bundesnachrichtendienst, die sich erst als Journalisten vorstellten und dann das Kokain in seinem Kofferraum versteckten. Alle fragten, weshalb er sich so gut an den Zeitpunkt erinnern konnte. An etwas so Nebensächliches, verglichen mit alldem, was danach noch passieren sollte.
Die Antwort darauf war ganz einfach. Er hatte kurz nach Beginn des Telefonats auf die rhythmisch blinkende Digitaluhr seines Anrufbeantworters gestarrt. Das tat er immer, wenn er sich konzentrieren wollte. Seine Augen suchten sich einen Ruhepunkt. Einen Fleck auf der Fensterscheibe, eine Falte der Tischdecke oder den Zeiger einer Uhr. Einfach einen Anker, an dem sie sich festhalten konnten. So, als ob dadurch sein Verstand wie ein Schiff im Hafen sicher vertäut und in eine Ruheposition gebracht würde, die es ihm ermöglichte, besser zu denken.
Wenn ihn früher, lange bevor das alles passiert war, seine Patienten mit komplizierten psychologischen Problemen konfrontierten, war der Fixpunkt seiner Augen stets ein zufälliges Muster in der Holzmaserung der wuchtigen Praxistür gewesen. Je nachdem, wie das Licht durch die getönten Scheiben seiner Privatpraxis in den gediegenen Behandlungsraum fiel, hatte es ihn an ein Sternbild, ein Kindergesicht oder eine frivole Aktzeichnung erinnert.
Als er um 18.47 Uhr und 52 Sekunden den Telefonhörer in die Hand nahm, waren seine Gedanken weit entfernt von einer möglichen Katastrophe. Und deshalb war er in den ersten Sekunden nicht bei der Sache. Seine Blicke wanderten ruhelos durch das untere Stockwerk seines Maisonette-Apartments am Gendarmenmarkt. Alles war perfekt. Luisa, seine rumänische Haushälterin, hatte ganze Arbeit geleistet.
Noch bis letzte Woche dachte er, seine Zweitwohnung in Berlins neuer Mitte wäre eine reine Geldverschwendung, die ihm ein geschickter Investment-Banker aufgeschwatzt hatte. Heute war er froh, dass es den Maklern bisher nicht gelungen war, dieses Luxusobjekt in seinem Auftrag zu vermieten. So konnte er Leoni heute hier mit einem Vier-Gänge-Menü überraschen, das sie auf der Dachterrasse mit Blick auf das illuminierte Konzerthaus genießen würden. Und dabei würde er ihr die Frage stellen, die sie ihm bislang verboten hatte.
„Hallo?“
Er lief mit dem Hörer am Ohr in die geräumige Küche, die erst vorgestern geliefert und eingebaut worden war. So wie fast alle anderen Möbel und Einrichtungsgegenstände auch. Sein eigentlicher Wohnsitz lag in der Berliner Vorstadt, in einer kleinen Villa mit Seeblick nahe der Glienicker Brücke zwischen Potsdam und Berlin.
Der Wohlstand, der ihm dieses Leben ermöglichte, beruhte auf einem spektakulären Behandlungserfolg, den er bemerkenswerter Weise noch vor Beginn seines Studiums erzielt hatte.
Mit einfühlsamen Gesprächen hielt er eine verzweifelte Schulfreundin vom Selbstmord ab, nachdem diese durch das Abitur gefallen war. Ihr Vater, ein Unternehmer, bedankte sich mit einem kleinen Aktienpaket seiner damals fast wertlosen Softwarefirma. Nur wenige Monate später schoss der Kurs über Nacht in schwindelerregende Höhen.
„Hallo?“, fragte er noch einmal.
Eigentlich wollte er gerade den Champagner aus dem Kühlschrank holen, doch jetzt hielt er inne und versuchte, sich ganz auf die Worte zu konzentrieren, die am anderen Ende der Leitung gesprochen wurden. Vergeblich. Die Hintergrundgeräusche waren so stark, dass er nur abgehackte Silben verstehen konnte.
„Schatz, bist du das?“
„... tu ...eid ...“
„Was sagst du? Wo bist du denn?“
Er ging mit schnellen Schritten zur Akkuladestation des Telefons zurück, die im Wohnzimmer auf einem kleinen Tisch stand, direkt vor den großen Panoramafenstern zum Schauspielhaus.
„Hörst du mich jetzt besser?“
Natürlich nicht. Mit seinem Telefon hatte er im gesamten Haus gleichmäßig guten Empfang. Er könnte damit sogar in den Fahrstuhl steigen, die zwölf Stockwerke nach unten fahren und gegenüber in der Hotellobby des Hilton einen Kaffee bestellen, ohne dass dabei die Verständigung abreißen würde. Der schlechte Empfang lag unter Garantie nicht an seinem Handy, sondern an dem von Leoni.
„... heute ... nie mehr ...“
Die weiteren Worte gingen in einem Zischlautstakkato unter, ähnlich dem eines alten Analogmodems bei der Einwahl ins Internet. Dann hörten diese Geräusche so abrupt auf, dass er dachte, die Leitung wäre abgerissen. Er nahm den Hörer vom Ohr und sah auf das grünlich schimmernde Display.
Aktiv!
Er riss den Apparat wieder hoch. Gerade noch rechtzeitig, um ein einziges, deutliches Wort zu verstehen, bevor die Kakophonie aus Wind- und Störgeräuschen wieder einsetzte.
Ein Wort, an dem er eindeutig erkannte, dass es wirklich Leoni war, die gerade mit ihm sprechen wollte. Dass es ihr nicht gut ging. Und dass es keine Freudentränen waren, unter denen sie die drei Buchstaben herauspresste, die ihn in den kommenden acht Monaten jeden Tag verfolgen würden:„tot“.
Tot? Er versuchte, dem Ganzen einen Sinn zu geben, indem er sie fragte, ob sie damit sagen wolle, die Verabredung sei gestorben? Gleichzeitig machte sich in ihm ein Gefühl breit, das er sonst nur von Autofahrten in unbekannten Gegenden kannte. Ein Gefühl, das ihn an einer leeren Ampel instinktiv die Fahrertür verriegeln ließ, wenn ein Fußgänger sich seinem Saab näherte.
Doch nicht das Baby?
Es war erst einen Monat her, dass er die leere Verpackung des Schwangerschaftstests im Mülleimer gefunden hatte. Sie hatte es ihm nicht gesagt. Wie immer.
Leoni Gregor war das, was er anderen gegenüber liebevoll als „schweigsam“ und „geheimnisvoll“ beschrieb. Weniger wohlmeinende Menschen würden sie „verschlossen“ oder einfach nur „merkwürdig“ genannt haben.
Von außen betrachtet, wirkten er und Leoni auf andere wie ein Paar, das man problemlos für eine dieser Fotos ablichten könnte, die häufig zur Verkaufsförderung als Attrappe in neuen Fotorahmen steckten. Motiv: „Frischvermähltes Glück.“
Sie, die sanfte Schönheit mit rohrzuckerbraunem Teint und dunkel gelockten Haaren, daneben der jungenhafte Mittdreißiger mit der etwas zu korrekt geschnittenen Frisur, in dessen humorvollen Augen ein Funke Ungläubigkeit darüber aufzublitzen schien, eine so gutaussehende Frau an seiner Seite zu haben. Äußerlich harmonierten sie. Aber charakterlich trennten sie Welten.
Während er ihr bereits beim ersten Date sein gesamtes Leben offenbarte, gab Leoni kaum das Nötigste von sich preis. Nur, dass sie noch nicht lange in Berlin lebte, in Südafrika aufgewachsen und ihre Familie dort bei einem Brand in einer Chemiefabrik ums Leben gekommen war. Davon abgesehen, präsentierte sich ihm ihre Vergangenheit wie ein zerfleddertes Tagebuch mit losen Seiten. Einige Blätter waren flüchtig beschrieben, doch teilweise fehlten ganze Abschnitte. Und wann immer er darauf zu sprechen kommen wollte – auf die fehlenden Kinderfotos, die nicht vorhandene beste Freundin oder die kaum sichtbare Narbe über ihrem linken Jochbein –, wechselte Leoni sofort das Thema oder schüttelte einfach nur leicht den Kopf. Auch wenn daraufhin jedes Mal die Alarmglocken in seinem Kopf schrillten, wusste er, dass diese Geheimniskrämerei ihn nicht davon abhalten würde, Leoni zur Frau zu nehmen.
„Was willst du mir damit sagen, Süße?“ Er nahm den Hörer ans andere Ohr. „Leoni, ich verstehe dich nicht. Was tut dir denn leid? Was ist ‚nie mehr’?“
Und wer oder was ist tot?, traute er sich nicht zu fragen, obwohl er nicht davon ausging, dass sie ihn am anderen Ende der Leitung überhaupt verstehen konnte. Er fasste einen Entschluss.
„Pass auf, Liebling. Die Leitung ist so mies – wenn du mich jetzt hörst – dann leg bitte auf. Ich ruf dich gleich wieder an. Vielleicht ist ja dann ...“
„Nein, nicht! NICHT!“
Die Verbindung war plötzlich glasklar.
„Na endlich...“, lachte er kurz, stockte dann aber. „Du klingst komisch. Weinst du?“
„Ja. Ich habe geweint, aber das ist nicht wichtig. Hör mir einfach zu, okay?“
„Ist etwas passiert?“
„Ja. Aber du darfst ihnen nichts glauben!“
„Wie bitte?“
„Glaub nicht, was sie dir sagen. Okay? Egal, was es ist. Du musst dir ...“ Der Rest des Satzes ging wieder in einem knarrenden Störgeräusch unter. Gleich darauf zuckte er erschreckt zusammen, drehte sich ruckartig um und sah zur Eingangstür.
„Leoni? Bist du das?“
Er sprach gleichzeitig in den Hörer und in Richtung Tür, an der es laut und kräftig geklopft hatte. Jetzt hoffte er im Stillen, seine Freundin würde endlich davor stehen und der schlechte Empfang hätte nur am Fahrstuhl gelegen. Sicher. Das würde Sinn ergeben. „Es tut mir Leid, Schatz, ich komme zu spät. Berufsverkehr, die Route nehme ich nie wieder. Bin völlig tot“.
Aber was soll ich nicht glauben? Warum weint sie? Und weshalb klopft sie an der Tür?
Er hatte ihr heute Vormittag den Wohnungsschlüssel per Boten in die Steuerkanzlei geschickt, in der sie als Aushilfssekretärin arbeitete. Zusammen mit dem Hinweis, sie möge die Frankfurter Allgemeine auf Seite zweiunddreißig aufschlagen. Dort war eine Anzeige abgedruckt, die er aufgegeben hatte: die Wegskizze zu seinem Apartment.
Aber selbst, wenn sie den Schlüssel vergessen haben sollte. Wie konnte sie – wie konnte irgendjemand – nach oben gelangt sein, ohne dass der Portier vom Empfang ihm Bescheid gab?
Er öffnete die Tür, und die Antworten blieben aus. Stattdessen kam eine weitere Frage hinzu, denn der Mann, der vor ihm stand, war ein völlig Fremder. Seiner äußeren Erscheinung nach schien er keine große Zuneigung zu Fitnessstudios zu haben. Sein Bauch blähte ein weißes Baumwollhemd so weit nach vorne, dass man nicht sehen konnte, ob er einen Gürtel trug oder ob die fadenscheinige Flanellhose von seinen Speckrollen getragen wurde.
„Entschuldigen Sie die Störung“, begann dieser und fasste sich dabei verlegen mit Daumen und Mittelfinger seiner linken Hand an beide Schläfen, als stünde er kurz vor einer Migräneattacke.
Später konnte er sich nicht mehr erinnern, ob sich der Unbekannte überhaupt vorgestellt oder sogar eine Marke gezeigt hatte. Doch schon dessen allererste Worte klangen so routiniert, dass er sofort verstand: Dieser Mann drang aus beruflichen Gründen in seine Welt, als Polizist. Und das war nicht gut. Gar nicht gut.
„Es tut mir sehr leid, aber ...“
O Gott. Meine Mutter? Mein Bruder? Bitte lass es nicht meine Neffen sein. Er ging im Geiste alle möglichen Opfer durch. „Sind Sie bekannt mit einer Leoni Gregor?“
Der Kriminalpolizist rieb sich mit kurzen, dicken Fingern seine buschigen Augenbrauen, die im starken Kontrast zu seinem fast kahlen Schädel standen.
„Ja.“
Er war zu verwirrt, um seine wachsende Angst zu spüren. Was hatte das Ganze hier mit seiner Freundin zu tun? Er sah auf den Hörer, dessen Display ihm versicherte, dass die Verbindung weiterhin gehalten wurde. Aus irgendeinem Grund kam es ihm vor, als ob sein Telefon in den letzten Sekunden schwerer geworden wäre.
„Ich bin so schnell wie möglich gekommen, damit Sie es nicht aus der Abendschau erfahren müssen.“
„Was denn?“
„Ihre Lebensgefährtin ... nun, sie hatte vor einer Stunde einen schweren Autounfall.“
„Wie bitte?“ Eine unglaubliche Erleichterung durchströmte seinen Körper, und er merkte erst jetzt, wie sich die Furcht in ihm aufgestaut hatte. So also musste sich jemand fühlen, der vom Arzt angerufen wird und die Mitteilung bekommt, man habe sich geirrt. Alles wäre in Ordnung. Man hätte die HIV-Teströhrchen nur vertauscht.
„Soll das ein Scherz sein?“, fragte er halb lachend, worauf der Polizist ihn verständnislos ansah.
Er hob den Hörer ans Ohr. „Schatz, da will jemand mit dir sprechen“, sagte er. Doch kurz bevor er dem Polizisten den Hörer reichen wollte, hielt er noch einmal inne. Irgendetwas stimmte nicht mehr. Etwas war anders.
„Schatz?“
Keine Antwort. Das störende Zischen war plötzlich wieder genau so stark wie zu Beginn des Telefonats.
„Hallo? Süße?“ Er drehte sich um, steckte den Zeigefinger seiner freien Hand in sein linkes Ohr und durchquerte mit schnellen Schritten sein Wohnzimmer in Richtung der Fenster.
„Hier ist der Empfang besser“, sagte er zu dem Polizisten, der ihm langsam in die Wohnung gefolgt war. Doch das erwies sich wieder als Irrtum. Im Gegenteil. Jetzt hörte er gar nichts mehr. Kein Atmen. Keine sinnentleerten Silben. Keine Satzfetzen. Noch nicht einmal mehr ein Rauschen. Nichts.
Und zum ersten Mal begriff er, dass Stille Schmerzen hervorrufen kann, wie es der größte Lärm nicht vermag.
„Es tut mir sehr, sehr Leid für Sie.“
Die Hand des Polizisten lastete auf seiner Schulter. Im Spiegelbild der Panoramafenster sah er, dass der Mann bis auf wenige Zentimeter an ihn herangetreten war. Wahrscheinlich hatte er damit Erfahrung. Mit Menschen, die bei der Überbringung der Nachricht zusammenklappten. Und deshalb stellte er sich so unmittelbar in seine Nähe, damit er ihn auffangen konnte. Buchstäblich für den Fall des Falles. Doch dazu würde es nicht kommen.
Nicht heute. Nicht bei ihm.
„Hören Sie“, sagte er und drehte sich um. „Ich erwarte Leoni in zehn Minuten zum Abendessen. Ich habe gerade eben, kurz bevor Sie an meine Tür klopften, mit ihr telefoniert. Eigentlich telefoniere ich noch in diesem Moment mit ihr und ...“
Während er den letzten Satz sprach, reflektierte er bereits darüber, wie er sich anhören musste. Schock, wäre seine eigene Diagnose, würde man ihn als neutralen Psychologen fragen. Aber er war heute kein Neutrum. Er war in diesem Augenblick die unfreiwillige Hauptperson des Schauspiels. Der Blick in die Augen des Polizeibeamten raubte ihm schließlich die Kraft zum Weitersprechen.
Glaub nicht, was sie dir sagen ...
„Ich bedaure, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihre Lebensgefährtin, Leoni Gregor, vor einer Stunde auf dem Weg zu Ihnen von der Fahrbahn abgekommen ist. Sie prallte gegen eine Ampel und eine Häuserwand. Wir wissen noch nichts Genaueres, aber offenbar fing der Wagen sofort Feuer. Es tut mir leid. Die Ärzte konnten nichts mehr für sie tun. Sie war sofort tot.“

Später, als die Beruhigungsmittel langsam ihre Wirkung verloren, kämpfte sich die Erinnerung an eine frühere Patientin in sein Bewusstsein, die einst ihren Kinderwagen vor der Tür einer Drogerie abgestellt hatte. Sie wollte schnell eine Tube Sekundenkleber kaufen. Für den lockeren Absatz ihrer hochhackigen Schuhe. Da es kalt war, deckte sie ihren fünf Monate alten David gut zu, bevor sie das Geschäft betrat. Als sie drei Minuten später wieder herauskam, stand der Kinderwagen noch vor dem Schaufenster. Doch er war leer. David war verschwunden und blieb es für immer.
Während seiner Therapiegespräche mit der seelisch gebrochenen Mutter hatte er sich oft gefragt, was in ihm selbst wohl vorgegangen wäre. Was er empfunden hätte, wenn er damals die Decke vom Kinderwagen zurückgeschlagen hätte, unter der es so merkwürdig ruhig war.
Er war immer davon ausgegangen, dass er den Schmerz der Frau niemals im Leben würde nachvollziehen können.
Seit heute wusste er es besser.

 


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